Rauminstallation mit simultanen Videoprojektionen von Nina DeLudemann, Ottjörg A.C., Thomas Gaschler und Marina Ludemann als Teil der Reihe "Out of Mosbach" des Kunstvereins Neckar-Odenwald. Die Ausstellung im Alten Schlachthaus in Mosbach wird kuratiert von Ulrike Thiele und Harald Kielmann. Sie endet am 05.07.2026.
Die Installation thematisiert Migration, Verlust, Erinnerung und Wiederkehr.
Ausgangspunkt ist eine außergewöhnliche Familiengeschichte, die mit einem Attentatsversuch auf den deutschen Kaiser im Jahr 1906 beginnt und über Nordafrika nach Indochina und zurück nach Europa führt. Protagonistin ist Lina Ludemann. Die Tochter eines Fremdenlegionärs und einer Totenbeschwörerin kehrt mit 80 Jahren nach Vietnam zurück und sucht nach den Spuren ihrer Vergangenheit,
„ ...eine visuelle Suchbewegung mit Bildgewalt,
die Fragen nach Herkunft und Zuhause,
Geschichte und Gegenwart
so dicht und unentwirrbar stellt,
wie Linas Lebensbahnen verlaufen sind.“
(Laura Storfner)
Rhein-Neckar-Zeitung, 10.6.2026, zur Eröffnung der Ausstellung „Fluchtpunkt Hanoi“ im Alten Schlachthaus:
Künstlerische Suche auf unterschiedlichen Ebenen
Mosbach. (tkr) Mit „Fluchtpunkt Hanoi“ hat ein ungewöhnliches Kunstprojekt nach Mosbach gefunden, geschaffen von einer vierköpfigen Künstlergruppe und zu sehen im Alten Schlachthaus beim Kunstverein Neckar-Odenwald (die RNZ berichtete). Bei der Vernissage vor den Toren des Ausstellungshauses im Stadtgarten durften der Vorsitzende des Kunstvereins, Harald Kielmann, und OB-Stellvertreter Manfred Beuchert eine große Anzahl von Kunstinteressierten begrüßen.
In einem Künstlergespräch erfuhr man mehr über Hintergrund und Verwirklichung der großen ausgestellten Arbeit, als deren Ausgangspunkt in einem begleitenden Text eine deutsche Migrationsgeschichte des 20. Jahrhunderts bezeichnet wird. Eine Geschichte mit engen familiären Bezügen von dreien der beteiligten Kunstschaffenden, die von Witten an der Ruhr über Holland, Frankreich in die Fremdenlegion, weiter über Nordafrika und Indochina bis nach Vietnam führt. Danach geht der Weg nach Paris und Deutschland, um den Kreis wieder in Hanoi schließen zu lassen. Esgeht dabei um Vorfahren der beiden Künstlerinnen Marina Ludemann und Nina DeLudemann, besonders um Lina, deren wechselhaftes Leben offenbar auf besondere Weise zur Suche aufforderte.
Formal ist das Kunstprojekt, das den gesamten Raum des Alten Schlachthauses füllt, ein perfektes Amalgam aus Video- und Objektinstallation in ungewöhnlich eigenwilliger Gestaltung. Auf drei Projektionsflächen werden Filmszenen zu den betroffenen Personen und Orten gezeigt, die man als Betrachter gleichzeitig mit einer einheitlichen Tonspur sehen kann – eine faszinierende, dabei nie überfordernde Erfahrung. Für die filmische Realisierung ist wesentlich der erfahrene Filmemacher Thomas Gaschler verantwortlich, wie Ottjörg A. C. „Out of Mosbach“. Beide kennen sich bereits aus Schulzeiten, die sie im Nicolaus-Kistner-Gymnasium verbrachten.
Diesem Ausstellungskern aus Filmbildern stehen Objektinstallationen zur Seite: Da ist ein geheimnisvoller alter Koffer mit Dokumenten aus den Leben der Personen, die in dem Gesamtkunstwerk reflektiert werden, und da sind – womit der Bogen in die Moderne gespannt wird – von Nina DeLudemann künstlerisch gestaltete T-Shirts.
Die Ausstellung war 2025 in kleinerem Umfang bereits in Berlin zu sehen und wird im Herbst noch nach Vietnam wandern. Dabei kann sie durch ihre flexible Struktur an unterschiedliche Ausstellungsumstände angepasst werden.
Das große Interesse und die Resonanz der Besucher während der Eröffnung der Ausstellung machten schnell deutlich: „Fluchtpunkt Hanoi“ ist eine Arbeit geworden, die in erstaunlicher Weise verschiedene Ebenen menschlichen Seins reflektiert: die persönliche, familiäre, bei der sich Menschen auf die Suche nach den eigenen Wurzeln machen – hier sind es vor allem die zwei Frauen, die ihre Wurzeln besser verstehen möchten, indem sie ihrer Großmutter beziehungsweise Urgroßmutter näher kommen wollen. Da ist eine historische Ebene: ein junger Mann, der vor über 100 Jahren einen Weg zur Weltverbesserung gesucht hat und dabei auf dramatische Weise in unvorhersehbare Verwicklungen geriet. Und da ist die ganz aktuelle Ebene der Migration – die Durchdringung der Kulturen, von den einen als Bereicherung, von anderen als Bedrohung gesehen.
Der Kunstverein Neckar-Odenwald will hier einerseits seiner Verpflichtung gerecht werden, aktuelle Kunstformen zu präsentierten, andererseits dabei aber auch nicht versäumen, solcher Kunst eine Plattform zu geben, die sich bewusst der Herausforderung des Menschseins in der Moderne stellen will.
Info: Die Ausstellung ist noch bis zum 5. Juli im Alten Schlachthaus im Mosbacher Stadtgarten zu sehen. Geöffnet ist jeweils samstags und sonntags von 14 bis 17 Uhr, der Eintritt ist frei.
Projekt-Team
Out of Mosbach – and into Vietnam! Ottjörg A.C. und Thomas Gaschler wurden 1969 Klassenkameraden und Freunde im Nikolaus-Kistner-Gymnasium. Das Kunst-Projekt "Fluchtpunkt Hanoi" ist ihre erste Zusammenarbeit. Außerdem im Team: Ottjörgs Ehefrau und Initiatorin des Projekts, Marina Ludemann, sowie deren Tochter Nina.
Kuratiert wird die Ausstellung in Mosbach von Ulrike Thiele und Harald Kielmann aus dem Vorstand des Kunstvereins Neckar-Odenwald.
Nina DeLudemann
Textile Objekte
Marina Ludemann
Video
Ulrike Thiele
Kuratorin
Ottjörg A.C.
Video
Harald Kielmann
Kurator
Thomas Gaschler
Video